Eine kleine Geschichte zur Entwicklung von Vertrauen …

Als Begleiter von Menschen – sei es als Organisationsentwickler, Coach, Supervisor oder als Psychotherapeut – verstehe ich mich immer auch als Geschichtenerzähler. Geschichten sind dabei persönliche Erfahrungen oder Begegnungen, die mir tatsächlich real widerfahren  und die in einem aktuellen Kontext als Metapher zu begreifen sind, um mich verständlich zu machen.

Eine Geschichte, die mir in letzter Zeit immer wieder einfällt, möchte ich an dieser Stelle mit Ihnen teilen:

 

Die Geschichte vom schwimmen lernen …

Es war einmal vor vielen Jahren, da war ich noch kein „gelernter“ Begleiter. Ich war mitten in meinem Studium und dementsprechend nicht unbedingt mit Reichtum gesegnet. Zur Finanzierung meines Studentenlebens habe ich unter anderem Schwimmkurse für Kinder abgehalten. Diese Kurse hießen „Spielend Schwimmen Lernen“ und richtete sich an Kinder im Alter zwischen vier und sechs Jahre, die – der Name war Programm – eben spielend schwimmen lernen wollten oder sollten. Dabei ging es nicht so sehr darum, eine perfekte Technik zu lernen, sondern vielmehr sollten sich die Kinder am Ende des Kurses ein Stück weit ohne fremde Hilfe über das Wasser fortbewegen lernen. Viele der Kinder waren überhaupt das erste Mal ohne Eltern in einem Kurs und dementsprechend anfänglich verständlicher Weise ängstlich und unsicher.

Meine Haltung in diesen Kursen war mir von Anfang an sehr klar: wir werden in dem Kurs Spaß haben! So machten wir jede Menge Spiele: da war zum Beispiel das Ampelspiel, wo die Kinder dann, wenn die Ampel auf Grün war, so fest mit den Füßen strampeln mussten, dass sie das Wasser bis auf die Decke spritzen würden (was natürlich nie gelang, aber völlig egal war). Oder wir spielten „Autowaschanlage“, wo die Kinder – die sich vorstellten, Autos zu sein – ihre Reifen (also Arme und Beine), ihre Blinker (die beiden Ohren), das Dach (den Kopf) und die Scheinwerfer (die Augen) wuschen. Ab und zu fuhren wir nach der Autowaschanlage auch durch einen Tunnel – ein unter Wasser versenkter Hula Hoop Reifen, durch den die Kinder durch tauchten.

Wir haben uns in diesem Kurs überhaupt nicht mit dem Erlernen von Schwimmen beschäftigt – bis zum letzten Kurstag. Traditionell waren an diesem letzten Kurstag die Eltern eingeladen, weil die Kinder dann voll Stolz herzeigen durften, was sie im Wasser schon so alles gelernt haben. Am letzten Kurstag gingen wir also – in vielen Fällen das erste Mal überhaupt – ins tiefe Becken, um den Eltern zu zeigen, dass ihre Kinder schwimmen konnten. Exemplarisch dazu möchte ich an dieser Stelle einen Dialog mit Fabian (Anm.: Name geändert) anführen. Fabian ist gut vier Jahre alt und ein Kind, das wirklich große Angst vor Wasser hatte und meine Unterstützung gebraucht hat. Er sitzt auf meinem rechten Arm im tiefen Becken, ca. zehn Meter vom Beckenrand entfernt. Ich kann ganz gut im tiefen Wasser stehen, für Fabian wäre das Becken viel zu tief. Wir unterhalten uns flüsternd, weil Fabian nicht will, dass sein Mama hört, was er mit mir spricht.

Fabian: „Nein, ich trau mich das nicht!“
Ich: „Wovor fürchtest du dich denn?“
Fabian: „Das Wasser ist so tief. Ich geh unter!“
Ich: „Aber im seichten Becken kannst du das doch auch. Du brauchst keinen Boden unter den Füßen …“
Fabian: „Aber da hab ich doch stehen können! Wenn ich den Kopf unter Wasser bekomme, hab ich Angst, dass ich keine Luft bekomme!“
Ich: „Weißt du, Fabian, als ich so alt war wie du, hatte ich auch Angst. Große Angst sogar. Meine Mama konnte mir damals nicht einmal die Haare waschen, weil ich so geschrien hab. So schlimm war das für mich. Ich weiß sehr gut, wie das ist, wenn man Angst vor dem Wasser hat.“
Fabian: „Wirklich? DU hattest Angst vor dem Wasser?“
Ich: „Ja, hatte ich. Und deswegen kannst du dich auch darauf verlassen, dass ich dich ganz sicher nicht unter gehen lasse. Ich werde immer da sein und aufpassen, dass dir nichts passiert. Und wenn der Kopf doch unter Wasser geht, dann hältst du einfach die Luft an und schwimmst bis zum Rand, bis du dich festhalten kannst, ok?“
Fabian: „Ok!“
Ich: „So, und jetzt zeigen wir der Mama, wie gut die schwimmen kannst! Gut?“
Fabian: „Ok, aber du bleibst da bei mir, ja?“
Ich: „Ja, hab ich dir versprochen!“

Und Fabian schwimmt – zum ersten Mal in seinem Leben ohne fremde Hilfe – ein Stück im tiefen Wasser, überwindet seine Angst und hat danach ein Leuchten in seinen Augen, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

 

Die organisationstheoretische Relevanz dieser Geschichte …

Für mich hat diese Geschichte gerade aus einem organisationstheoretischen Verständnis heraus eine große Bedeutung. Viele Unternehmen sehen sich mit aktuell unsicheren Zeiten konfrontiert, wo ihnen – im wahrsten Sinn des Wortes – das Wasser bis zum Hals steht. Die Vielfältigkeit der globalen Vernetztheit bringt auch eine Austauschbarkeit und Ungewissheit mit sich. Wohin geht die Reise? Kann sich unser Unternehmen über Wasser halten? Welches Change Management brauchen wir, um wieder Stabilität und Wachstum zu bekommen?

Meine Überzeugung ist, dass solche Fragen nicht mit kognitiv-intellektuellen Methodiken beantwortbar sind. Wie bei Fabian ist es zuerst und vor allem unbedingt notwendig, eine organisationsemotionale Klarheit zu bekommen, wo man steht. Was bewegt uns? Wovor haben wir Angst? Was macht uns Freude? Dementsprechend ist es zwingend (sic!) notwendig, ein Verständnis für die authentische, innere Organisationskultur verbalisieren zu können. Um einen Konnex zur Geschichte mit Fabian herzustellen: zuallererst ist es wichtig, dass Fabian klar ist, wie es ihm geht – nämlich, dass er Angst hat.

Dieser innere emotionale Ausdruck braucht ein Gegenüber, das  diesen gefühlten Ausdruck bedingungslos wertschätzend aufnimmt. Oder, um wieder an die Geschichte anzuschließen: erst dadurch, dass Fabians Angst für mich so, wie sie eben für ihn war, annehmbar und eben nicht verändert / verhindert / verdrängt werden wollte, stellte sich bei uns beiden ein Gefühl der Verbundenheit ein. Und diese Verbundenheit schafft ein wirklich tiefes Vertrauen in das Gegenüber – und in letzter Konsequenz in sich selbst.

Fremd-Vertrauen schafft also Selbst-Vertrauen. Und Organisationskulturen, die flexibel und kreativ bleiben oder werden sollen, müssen – nolens volens – eine gesunde, stabile Basis an inneren organisationalem Selbst-Vertrauen aufbringen können.

Für Fabian ist es überhaupt nicht notwendig, genau zu wissen, nach welcher Technik er schwimmen soll. Zuallererst braucht er ein Gefühl des Verstanden- und Gehalten-Werdens, damit er ein Risiko eingehen kann und sich ins tiefe Wasser traut.

Bei Organisationen ist das im Grunde genommen genau so. Erst dann, wenn es gelingt, dass sich – bedingt durch die Entwicklung einer Organisationskultur der Konflikt- und Dialogfähigkeit – Unternehmen im wahrsten Sinn des Wortes trauen, „ins kalte Wasser zu springen“, entstehen Kreativitätssprünge. Das Selbst-Vertrauen von heute bewunderten Erfindergeistern wie Steve Jobs oder Elon Musk brauchte damals mit Sicherheit ein Mindestmaß an Fremd-Vertrauen und stabilen emotionalen Beziehungsangebote und positiver Anerkennung von außen, damit sie die Anerkennung für ihre damals „verrückte“ Idee auch spüren können.

 

Was Mahatma Ghandi damit zu tun hat …

Mahatma Ghandi meinte einst: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Er beschreibt damit einen Prozess, der zwar am Ende einen konstruktiven Ausgang erlebt und sich lohnt, aber bis dahin von großem Mut, enormen Anstrengungen, Zweifeln und Risiken getragen ist. Und auch, wenn sich dieser Weg lohnt, ist die Reise dort hin nur dann zielführend, wenn sie stetig und unermüdlich von Selbst- und Fremd-Vertrauen getragen wird.

Oder um es noch ein bisschen pointierter zu formulieren: ein erfolgreicher Manager muss nicht unbedingt ein Humanist sein. Er muss nicht einmal vordergründig nach einem inneren ethischen oder moralischen Empfinden entscheiden. Wenn er aber langfristig erfolgreich sein will, wird er alles dafür tun, eine Kultur des wechselseitigen Vertrauens vorzuleben und einzufordern – denn genau diese Haltung schafft die oftmals überlebensnotwendige Kreativität und Flexibilität, die moderne globalisierte Märkte immer mehr einfordern.

 

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