Das Problem mit den Anderen …

Jaja, die anderen. Wie schön wäre unser Leben, wenn uns nicht dauernd diese anderen dazwischen funken würden? Es sind immer die Verweigerer, die Habgierigen, die Gemeinen, die Nichtversteher und alle anderen, die uns Kummer besorgen, weswegen Veränderung so schwierig ist.

Ganz oft ist auch von unveränderbaren Rahmenbedingungen die Rede, die es uns geradezu verunmöglichen, unsere Wünsche zu formulieren und unsere Ziele zu gestalten. Wir lesen ja auch tagtäglich in den analogen und digitalen Medien davon. Und für alles das ist es beruhigend zu wissen, dass wir Personen vor den Vorhang holen können, die wir dann – zumindest im Geiste (und manchmal leider auch in realita) – dafür, wie es uns geht, abwatschen können. Das passiert dann auch mal gerne öffentlich und wird hitzig diskutiert.

Besonders beliebte Role Models für unsere Watschenbäume sind momentan Flüchtlinge und PolitikerInnen. Die eine Gruppe ist so besonders anders, dass der Weg zu meiner Vorstellung, dass „DER das Problem ist“, geradezu verlockend erscheint. Die andere Gruppe buhlt um meine Gunst, und wenn es mir dann nicht auch noch besser geht, wo ICH doch diejenige oder denjenigen auserwählt habe, MIR ein besseres Leben zu machen, dann, ja dann, sind die alle unfähig, können nichts und überhaupt sind sowieso alle korrupt.

Hagen Rether, ein von mir sehr geschätzter deutscher Kabarettist, stellt zu oben genanntem Phänomen folgende provokante Frage:

Wie wär’s mal mit erwachsen werden?

Erwachsen werden bedeutet für mich in diesem Zusammenhang, für das eigene Erleben in Verantwortung für sich selbst zu gehen und sich folgende Fragen zu stellen:

  • Was hat das mit mir zu tun?
  • Was kann ich selbst tun, damit das anders wird?

Das klingt anstrengend – ist es auch. Es ist auf jeden Fall deutlich anstrengender, als das Problem von sich weg hin zu den Anderen zu schieben. Aber, und das ist der springende Punkt, das eigene Leben wird dadurch bedeutsam gestaltvoller und nachhaltig reicher.

 

Was hat das mit mir zu tun?

Für all jene unter Ihnen, die meinen, diese Antwort mit „nichts“ beantworten zu wollen oder zu können, würde ich vorschlagen, an dieser Stelle das Lesen dieses Artikels abzubrechen. Nicht deswegen, weil ich als Autor vermeintlich böse auf Sie wäre oder etwas besser wüsste als Sie, nein. Schlichtweg deswegen, weil ich vermute, dass wir jeweils unterschiedliche Erfahrungen und Sprachen haben, weswegen ich mich Ihnen, geschätzte Leserin / geschätzter Leser, vermutlich überhaupt nicht verständlich machen könnte.

Alle anderen lade ich ein, die nachfolgenden Gedanken zu dieser Frage zu lesen und kritisch zu hinterfragen.

Grundsätzlich stelle ich folgende Hypothese in den Raum: je wütender, ängstlicher, hilfloser, frustrierter oder trauriger ich aufgrund einer bestimmten Situation werde, desto mehr hat dieses Gefühl mit mir selbst und meinen in meinem bisherigen Leben gemachten Erfahrungen zu tun.

Wenn es mir also gelingt, in einem ersten Schritt ein Gefühl überhaupt zulassen zu können, kann ich mich selbst besser verstehen. Die Einladung wäre in diesem Falle, zu sich selbst mutig zu sein und in ein (selbstverständlich für mich aushaltbares Maß an) „Ja, ich fühle mich jetzt in diesem Moment wütend / ängstlich / hilflos / frustriert / traurig!“ emotional hinein zu gehen anstatt es kognitiv erklären zu wollen oder gar verdrängen zu müssen. Erst dann, wenn ich mich selbst anders (im Sinne von ergänzend zusätzlich zu meinen bisherigen Erfahrungen) erlebe, ist es mir überhaupt erst möglich, ein empathisches Verständnis für mein Gegenüber zu empfinden.

Als Folge davon werden mir auch ein breit gefächertes Spektrum an Möglichkeiten zur Verfügung stehen, wie ich mit Erfahrungen, die mir schwer fallen, umgehen will.

 

Was kann ich tun, damit das anders wird?

Sich nur die Frage zu stellen, was das mit einem selbst zu tun hat, würde in meiner Vorstellung für eine „erwachsene Selbstverantwortlichkeit“ nicht ausreichend sein. Grundsätzlich soll hier festgehalten werden, dass ich mit dem, was ich tu und auch mit dem, was ich nicht tu, eine persönliche Entscheidung treffe.

Das betrifft mein unmittelbares Lebensumfeld mit mehr oder weniger dilemmatischen Schwierigkeiten, in denen wir uns tagtäglich befinden genauso wie globale Fragestellungen. Mehr noch: gerade die großen globalen Probleme wie z. B. die Verhinderung des Klimawandels oder die immer stärker werdende Polarisierung zwischen arm und reich sind ausschließlich damit verbunden, dass sich möglichst viele Menschen weltweit mit der Frage auseinander setzen, was ich selbst tun kann, damit das anders wird.

Damit ist keinesfalls eine polemische oder beschuldigende Frage gemeint, wo sich Rivalität und das schlechte Gewissen wechselseitig die Hand reichen in der Frage, warum die einen die „besseren“ und die anderen die „schlechteren“ Menschen sind.

Vielmehr verstehe ich diesen Impuls als Einladung, immer wieder für sich selbst zu überlegen, was ich persönlich bereit bin, tatsächlich zu tun, damit sich Dinge ändern und wo ich meine ganz persönliche Grenze ziehe und dementsprechend auch ein Problem in Kauf nehme.

 

Abschließend soll angemerkt werden, dass diese Zeilen thematisch selbstverständlich sehr stark verkürzt dargestellt sind. Sie sollen auch nicht den Eindruck einer Belehrung oder eines „Handbuches für ein besseres Leben“ vermitteln. Vielmehr verstehe ich sie als Einladung, für einen kurzen Moment im Geiste stehen zu bleiben, die Zeit abzudrehen und diese Fragen auf sich wirken zu lassen.

Ich freue mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen diesbezüglich mit mir teilen wollen und wünsche Ihnen viel lohnende Anstrengung beim Erwachsen bleiben oder werden!

Ihr

Bernhard Diwald

 

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.