Der Stein

 

Unlängst ging ich in einem Wald spazieren. Es war diesiges, kaltes Wetter – Mittagszeit. Mit festem Schuhwerk gehe ich über den seichten, matschigen Waldweg. Die Luft ist sehr klar, es ist still. Nur die monotonen Geräusche meiner schweren Schritte, die sich einen gleichmäßigen Weg durch den unwirtlichen Untergrund bahnen, sind zu hören.

Irgendwann bleibe ich stehen und sehe einen Stein. Es ist ein beliebiger Stein – einer unter tausenden. Hätte ich einen anderen aufgehoben, es hätte keinen Unterschied gemacht. Ein Stein eben wie jeder andere – völlig unspektakulär und gewöhnlich.

Ich packe also meinen  dreckigen Stein in ein Taschentuch, stecke ihn ein und fahre in mein Büro. Dort angekommen säubere ich ihn und betrachte ihn eine Weile.

In der Mitte hat er einen Riss. Auf der Unterseite ist er rau und gesprenkelt. Einige Einschlüsse vom Waldboden sind ihm wohl geblieben, gänzlich sauber bekommt man so einen Stein vermutlich nicht mehr. Auf der oberen Seite ist er marmoriert und glatt – fast wie gehauen und geschliffen aus einem Boden einer Villa aus der Jahrhundertwende. Ein Individuum, das es in dieser Form kein zweites Mal auf dieser Erde gibt.

Würde ich versuchen, ihn zu öffnen, würde ich vermutlich einzelne Schieferplatten sehen, die sich im Lauf der Zeit unter unvorstellbarem Druck zusammen gepresst haben. Wie lange dieser Stein wohl gebraucht hat, bis er geworden ist wie er jetzt ist? Gute Frage … Wahrscheinlich sind es Millionen von Jahren. Manche Steine sind so alt wie unsere Erde, also ca. 4,5 Milliarden Jahre. Das ist schon wirklich ziemlich alt!

Wie ist dieser Stein so geworden, wie er geworden ist? Nun ja, wahrscheinlich – wenn man so will – wie alles, was uns umgibt: in einem fortschreitendem Raum-Zeit-Kontinuum durch Mutation (also Veränderung „von innen heraus“) und Selektion (also Veränderung „durch Beziehung mit der Außenwelt“).

Genauer nachgedacht ist es im wahrsten Sinne des semantischen Wortgehaltes unvorstellbar, was ich hier in Händen halte: ein Produkt mit einem Alter, das meine Vorstellungskraft sprengt und mit jeder Sekunde seit seiner Entstehung bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ich ihn mit in mein Büro nahm einem Selbstorganisationsprozess ausgesetzt war, in dem „die Innen- und die Außenwelt des Steines auf eigentümliche Art und Weise miteinander tanzten“.

Vor Millionen von Jahren als dort, wo ich mich heute noch aufgehalten habe ist früher wohl fließendes Gewässer gewesen … Wie groß dieser Stein wohl in seinem Ursprung war? Wie oft er sich wohl verändert hat? Wie viel Liter Wasser müssen über ihn geflossen sein?   Wie viele  fast unbemerkbar kleinen, unbedeutenden Begegnungen mit Wasser muss es gegeben haben, bis dieses Etwas rund geschliffen wurde?

Was dieser Stein wohl zu erzählen hätte, wenn er könnte? Die Entstehung des Christentums wäre umgelegt auf menschliches Zeitverständnis für den Stein einen Wimpernschlag alt. Die Errichtung der Cheops-Pyramide wäre gerade einmal vor einer Minute geschehen. Nicht der Rede Wert im großen Geschichtsbuch des Steines, vielleicht eine kleine Randnotiz.

Würde ich mir die Mühe machen wollen, den Ursprungsweg des Steines mithilfe einer von Foerster’schen trivialen Kausalkette von Input-Beziehungsfunktion-Output-Rechenoperation nachzuvollziehen wäre ich heillos überfordert. Kein Computer der Welt würde die an eine nahe der Unendlichkeit grenzenden Wenn-Dann-Rechenübung leisten können, um die Gestalt dieses Steines seit seiner Entstehung nachvollziehen zu können.

Dennoch ist es bloß ein Stein. Millionenfach begegnen sie uns jeden Tag. Achtlos schreiten wir darüber hinweg. So selbstverständlich ist uns das Wunder der Selbstorganisation geworden.

Und doch erzählt uns die Genese des Steins so viel über uns selbst: wir sind geworden, wie wir eben geworden sind. In einer Komplexität und Vielfalt nicht zu überbieten sind wir Individualisten, denen es nicht gerecht wird, mit trivial-universellen Techniken begegnet zu werden. Vielmehr gilt es, uns selbst und unseren Mitmenschen mit einer Haltung zu begegnen, die der konstruktiven Kraft der Selbstorganisation zu unserer innewohnenden Entwicklung verhilft.

Manchmal ist es offensichtlich notwendig, stehen zu bleiben und einen Moment in seiner klassischen Hier-und-Jetzt-Mentalität festzuhalten. Oder wie es ein unbekannter Autor einmal treffend formulierte:

„Es gibt immer nur diesen einen Moment, kein zweiter wird genau gleich sein. Und da spielt es dann eigentlich keine Rolle, ob es ein eher trauriger oder ein fröhlicher Moment ist. Er ist einzigartig, unwiederbringlich. Und deshalb sollte man ihn bestaunen wie ein Kind und sich daran erfreuen.“

Und manchmal ist es dann eben ein Stein. Ein Stein, wie es ihn millionenfach gibt – und doch in seiner Schönheit und Eleganz einzigartig mit einer atemberaubenden Geschichte, finden Sie nicht?

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