Hierarchie und Kreativität – geht denn das?

Bevor ich mich dem eigentlichen Thema widme, möchte ich mich gleich für das Nachfolgende entschuldigen. Ich entschuldige mich dafür, dass das, was Sie lesen werden, klischeehaft und übertrieben sein wird.

Es wird ein Artikel sein, mit dem vielleicht der eine oder andere nicht einverstanden ist, vielleicht auch den Kopf schüttelt oder sagt: „Das ist aber schon sehr weit her geholt und überhaupt nicht realitätsnahe!“. Mag sein – dafür habe ich mich ja auch entschuldigt …

Aber ich behaupte, dass in einem Unternehmen eine hierarchische Ordnung und Kreativität grundsätzlich nicht miteinander vereinbar sind.

Ich lebe nach folgendem Grundsatz, der da lautet:

 

 Hierarchie schafft Ordnung – und Ordnung verhindert Kreativität!

Wie so vieles entspringt dieser Satz einer physikalischen Theorie, nämlich der sog. Chaostheorie. Diese besagt (sehr vereinfacht), dass, wenn sich ein dynamisches System in einem Zustand vollkommener Ordnung befindet, die Möglichkeit zur Entwicklung gleich Null ist. Das ist deswegen so, weil das dynamische System keine Möglichkeit hat, etwas Neues zu erlernen – da ja eben alles geordnet und bekannt ist. Genau so ist es auf dem gegenüberliegenden Extrempol, dem Chaos. Hier gilt, dass es unendlich viele neue Möglichkeiten und Lernchancen für das dynamische System gäbe, dass es unmöglich ist, überhaupt quasi den ersten Schritt zu tun.

Das ideale Lernfeld für ein dynamisches System wäre – zumindest in der Theorie – in diesem Zustand gegeben, wo der Zustand der Ordnung und der Zustand des Chaos zu gleichen Teilen vorhanden sind.

Auf ein „dynamisches System Unternehmen“ übertragen würde das bedeuten, dass es für eine langfristige und nachhaltige Entwicklung gleichermaßen schädlich ist, sowohl überhaupt nicht innovativ als auch „dauer-ideenschaffend“ zu sein.

Meine Erfahrung in der Praxis mit Unternehmen – sowohl im Einzelcoachingsetting als auch bei Team- und Organisationsentwicklungen – ist eher jene, dass Führungskräfte dazu neigen, alles zu ordnen und Kreativität zu verhindern.

Das ist auch nur allzu verständlich, denn Hierarchie …

… schafft Planungsicherheit!

… schafft Klarheit in den individuellen Verantwortungsbereichen nach oben und unten!

… erhält den aktuellen (Macht)Status!

… dient der Erhaltung des aktuell Erreichten!

Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch. Ja, selbstverständlich brauchen wir Regeln und Strukturen in unseren Unternehmen. Aber die „Opportunitätskosten“ für die Entscheidung „pro Hierarchie“ liegen automatisch im „contra Kreativität“. Ob das „gut“ oder „schlecht“ ist, maße ich mir gar nicht an zu bewerten, aber ich denke, dass es als Führungskraft notwendig ist, sich dessen einfach bewusst zu sein.

Es ist mir wichtig, gerade in Zeiten wie diesen einen Artikel wie diesen zu schreiben, weil – zumindest in dem Teil von Mitteleuropa, in dem ich lebe und arbeite – der Ruf nach Förderung der Innovationsfähigkeit in Unternehmen oder ganzen Branchen immer lauter wird.

Ich bin sehr überzeugt davon, dass eine nachhaltige Förderung der Innovationsfähigkeit in einem Unternehmen nur dann gelingt, wenn die EntscheidungsträgerInnen ein authentisches Weniger-Hierarchie-Mehr-Beteiligung vorleben. Das erfordert viel Mut und Vertrauen in die Fähigkeiten bzw. den verantwortungsvollen Umgang von Selbstbestimmtheit der MitarbeiterInnen seitens der Führungskraft.

Und solange beides, nämlich Mut in sich selbst und Vertrauen in die MitarbeiterInnen, bei der Führungskraft nicht ausreichend vorhanden ist, ist es ratsamer und intelligent, in bestehenden hierarchischen Strukturen zu arbeiten. Langfristig können es sich Unternehmen – alleine aus globalwirtschaftlichen Trends – in Mitteleuropa tendenziell nicht mehr oder zumindest sehr schwer leisten, nicht innovationsfähiger als die sog. emerging markets zu sein.

Wir werden es uns vermutlich gar nicht aussuchen können, weil die Personal- und Produktionskosten in Mitteleuropa à la longue gegenüber jenen aus Ländern wie z. B. China, Indien und Brasilien nicht konkurrenzfähig sein werden. Kreativität wird in vielen Märkten die „neue Kernkompetenz“ werden müssen, weil es gar nicht anders gehen kann.

Ergo, liebe Führungskraft: Sammeln Sie Ihren Mut und schaffen Sie ausreichend Vertrauen in Ihre MitarbeiterInnen, um deren kreatives Potential zu ermöglichen.

Ich gehe mit gutem Beispiel voran, nehme meinen Mut in die Hand und meine anfängliche Entschuldigung wieder zurück:

Ich meine alles so, wie ich es geschrieben habe – Klischee hin, Übertreibung her!

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.