Natürlichkeit und Wirtschaft – Gedanken zu einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung …

„Erklär doch mal einem alten Bauern, wie die Wirtschaftskrise zustande gekommen ist – so, dass er das auch wirklich versteht!“, fragte Hans seinen Freund, einen Professor für Volkswirtschaftslehre.

„Nun, stell dir folgendes vor …“, antwortet der Professor, „stell dir vor, du bist Manager einer Bank und bekommst für jeden abgeschlossenen Kredit eine Provision. Eines Tages kommt ein Mann mit fettigen Haaren, unrasiert und einem Flinserl im Ohr zu dir und sagt, er möchte gerne einen Kredit haben.

Du denkst dir ‚Verdammt, eigentlich darf ich dem keinen Kredit geben, so wie der aussieht! Aber Augen zu und durch, wird schon nix passieren!‘. Kurz danach kommt meine Frau zu dir in die Bank und will ebenfalls einen Kredit!

Du denkst dir ‚Hmm, ja, eine sehr gebildete, ordentliche intelligente Frau. Der geb ich gerne einen Kredit!‘ Dann denkst du dir, dass es besser wäre, gleich an das Geld zu kommen und verkaufst beide Kredite an eine andere Bank weiter.

Du hast also einen Kredit mit einer besonders schlechten und einen Kredit mit einer besonders guten Bonität, packst die zusammen, machst eine rote Schleife drum herum und verkaufst dieses Paket als ‚Durchschnittliche Kreditwürdigkeit‘ weiter. Leider hat es dann einen Zusammenbruch am Immobilienmarkt gegeben und alle Kredite mit besonders schlechter Bonität sind schlagartig nichts mehr wert gewesen.

Der Käufer des Packerls wusste allerdings nicht, dass seine ‚Durchschnittliche Kreditwürdigkeit‘ so war wie sie war und er von seinem Geschäftspartner schlicht und ergreifend betrogen wurde. Daher hat er – aus lauter Misstrauen – keine Geschäfte mehr mit anderen Banken gemacht. Und jetzt stell dir vor, dass jeder jeden betrügt und jeder dem anderen misstraut. Und fertig ist die Krise …“

Dieser neugierige alte Bauer Hans heißt übrigens mit Nachnamen Diwald, ist einer der ersten Biobauern in Österreich und mein Vater. Im Jahr 1980, zu einer Zeit, als sich die moderne Agrarwirtschaft immer mehr dem gezielten und effizienten Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden widmete, hat mein Vater bewusst darauf verzichtet und beschlossen, Biobauer zu werden. Er hat mit einer Brennnesselbrühe als natürlicher Dünger experimentiert und mit mechanischer Unkrautbekämpfung – ein steiniger Weg. In diesem Jahr haben viele angesehene Bauern – mehr oder weniger laut und öffentlich – die Nase gerümpft und waren der Meinung, dass „Biolandbau wahrscheinlich irgend etwas mit Kommunismus zu tun hat“. Es war eine andere Zeit …

Heute ist er angesehener Referent in der Aus- und Weiterbildung von Jungbauern, die auf Biolandbau umstellen möchten. Eine Geschichte, die er dort zu Beginn immer wieder erzählt ist folgende:

„Alle glauben immer, dass sie die Natur schützen müssten. Was soll das eigentlich? Die Natur muss nicht geschützt werden. Die schützt sich ohnehin selbst. Der Natur ist die Klimaerwärmung doch völlig egal. Wenn wir in Österreich aufgrund von Hitze keinen Wein mehr anbauen können, dafür aber in Sibirien perfekte klimatische Bedingungen herrschen, ist der Natur das doch egal. Wenn wir uns aufgrund von Klimaveränderungen in ferner Zukunft nicht mehr ernähren können, haben wir doch die Natur nicht beleidigt. Dann kommen eben andere Lebewesen, Pflanzen oder Bakterien, die die Erde besiedeln. Wir müssen uns selbst schützen , und das gelingt nur mit einem intelligenten Egoismus der Kooperation mit der Natur.“

Diese Geschichte und die oben erwähnte Erklärung des Volkswirtschaftsprofessors, was unhaltbare Misstrauenszustände mit unserem Wirtschaftssystem gemacht haben, sind schöne Bilder zur Erklärung meines OE-Ansatzes und haben mich zutiefst inspiriert.

In den vielen Jahren des Lernens, Erlebens und immer wieder aufs neue Ausprobierens, wie Unternehmen „ticken“, wie dem Ruf nach Nachhaltigkeit gerecht werden kann und den ewigen Fragen von Führungskräften, wie ich MitarbeiterInnen motivieren und fördern bzw. KundInnen an das Unternehmen langfristig binden kann, steckt in dieser Geschichte die komprimierte Zusammenfassung meiner eigenen Erfahrungen drinnen: Es gilt, ein gesundes, kooperierendes Klima zu schaffen und zu halten.

Dieser Überzeugung bin ich nicht (nur) aus meiner humanistischen Haltung heraus, die auf Grundsätze wie Freiheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, (Nächsten)Liebe, Vertrauen, Anerkennung und Respekt baut.

Dieser Überzeugung bin ich vor allem als betriebswirtschaftlich effizient denkender Unternehmensberater, dessen Ziel es ist, die langfristige Verbesserung und Entwicklung von Organisationen zu begleiten. Ohne Zweifel besteht die Möglichkeit, kurzfristigen Gewinn dadurch zu machen, dass ich mein Gegenüber ausbeute. Aus rein pragmatischen Überlegungen muss jedenfalls – unabhängig von einer ethischen Verpflichtung – kalkuliert werden, welche Kosten zerstörtes Vertrauen langfristig hat bzw. haben kann.

Es ist zu jeder Zeit die Entscheidung und Verantwortung eines jeden selbst, ob ich mit einer kooperierenden Haltung denke, fühle, entscheide und arbeite oder nicht. Es ist wichtig und notwendig, als Führungskraft im Sinne einer gewinnorientierten Haltung zu handeln. Von zentraler Bedeutung erscheint mir, ein Bewusstsein darüber zu bekommen, dass mein Handeln – und zwar immer und jederzeit – Folgen hat.

Aus meiner Überzeugung heraus ist für eine effiziente und nachhaltige Entwicklung eines „Organismus Unternehmen“ notwendig, eine ausgewogene Balance zwischen interner (mitarbeitermotivierter) und externer (marktmotivierter) Orientierung zu kreieren. Diese Balance ist nicht neu und wurde auch nicht von Unternehmensberatern erfunden – es ist die uralte Dialektik von Yin und Yang.

Ich arbeite als Berater mit dem Begriff des Intrinsic vs. Extrinsic Capital, wobei Intrinsic Capital die „weichen Werte“ eines Unternehmens wie „physische und psychische Gesundheit“, „Kreativität“, „Respekt“, „Vertrauen“, „Eigenverantwortung“ etc. und Extrinsic Capital die „harten Werte“ wie „Struktur“, „Arbeitsabläufe“, „Konkurrenzsituation“ etc. beinhaltet.

Für jede Organisation ist es notwendig, einen ausgewogene Balance zwischen Intrinsic und Extrinsic Capital zu schaffen. Wenn der Schwerpunkt auf nur einem „Kapitalpol“ zu groß ist, ist die „natürliche Homöostase des Organismus Unternehmen“ gestört, was eine ineffiziente Situation und in weiterer Folge eine nachhaltige Schädigung der Organisation zur Folge hat.

Oder wie es vermutlich mein Vater formulieren würde: „Am Ende des Tages muss der Wein in ausreichender Menge und guter Qualität verkauft werden. Aber nicht auf Kosten der natürlichen Ressourcen.“

 

Linz, im April 2012

 

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