Resonanz – die Kraft des Widerhalls

Es ist schon irgendwie verblüffend, wie schwer es uns fällt – mir eingeschlossen – über Momente oder Begegnungen zu sprechen, die wir als besonders empfinden.

In Konfliktsituationen mit KollegInnen, in professionellen Beratungssituationen, beim Kuscheln mit meinen Hunden, beim „einfach-nur-da-sitzen“ mit meiner besseren Hälfte oder aber auch in Trauersituationen wie bei Todesfällen habe ich oft für einen kurzen Moment das Gefühl der tiefen Verbundenheit mit meinem Gegenüber gespürt.

Vielleicht kennen Sie das auch: In einem Moment wie diesen – der vielleicht nur für einige Sekunden dauert – hat man den Eindruck, man zeigt sich dem Gegenüber kantig, verletzlich, klein: fast ein bisschen „nackt“. Das Verblüffende bei diesen Begegnungsmomenten ist, dass sich das Gegenüber genau so zeigt und das auch völlig ok ist, weil es in einem Raum des Vertrauens passiert, der so ist wie er ist. In Situationen, in denen mir das passiert – in den letzten Tagen waren einige solche Momente dabei – verändert sich mein Bild über mein Gegenüber schlagartig. Es entsteht fast so etwas wie eine neue „emotionale Nervenbahn im Speicherplatz über die Person“ in meinem Gehirn, weil dieser Eindruck oftmals ganz anders ist als alles das, was man über einen Menschen bisher gedacht hat.

Jetzt können Sie sich beim Lesen dieser Zeilen innerlich natürlich solche Sätze denken „Eh schön, dass es das gibt – was bringt mir das?“ oder „Na aber wirklich nicht, so nahe braucht mir keine(r) zu kommen!“. Ich finde das legitim, so zu denken, weil uns diese Grenzen innerlich auch schützen. In einem Moment der Begegnung zeige ich mich verletzbar – und wer will schon gerne verletzt werden?!

Abgesehen von den persönlichen Momenten, die uns berühren und die wir schätzen, finde ich es auch rein aus professioneller Sicht eines Beraters für geradezu unverzichtbar, solche Momente in Organisationen zu fördern und zu fordern: Der persönliche Lernerfolg auf emotionaler Ebene bei Fragen wie z. B. „Warum spüre ich in unserem Team so eine Schwere?“ oder „Wieso gelingt es mir nicht, die Kreativität und Motivation bei meinen MitarbeiterInnen zu fördern?“ ist in vielen Fällen schlichtweg dadurch begrenzt, dass es sich der Fragesteller nicht erlaubt, seinem Gegenüber verletzbar zu zeigen – so wie er oder sie eben ist.

Der methodische Begriff, der mich in vielen Diskussionen über dieses Thema in letzter Zeit sehr geprägt hat, ist jener der Resonanz. Laut etymologisches Wörterbuch stammt der Begriffsursprung aus dem französischen résonance bzw. aus dem lateinischen resonantia und bedeutet soviel wie Widerhall (re = wider, erneut; sonare = tönen, schallen). Der Begriff des „Resonanzkörpers“ ist z. B. in der Musik gebräuchlich. Damit ist u. a. der Hohlkörper einer Gitarre oder aber auch eine metallische Stimmgabel gemeint.

Ein Resonanzkörper ist also ein Körper, der Schwingungen aufnimmt und diese verstärkt. In meiner Rolle als Begleiter und Berater bin ich laufend damit konfrontiert, als Resonanzkörper zur Verfügung zu stehen – schlicht und ergreifend darum, um Schwingungen ein Stück weit zu verstärken und sichtbarer zu machen. Und erst dann, wenn Dinge klarer sind, kann man sich gemeinsam Gedanken machen, ob überhaupt bzw. man wie und was ändern möchte.

Ich glaube nicht, dass es eine Frage des Intellektes oder der persönlichen Begabung ist, ob man ein „guter“ oder ein „schlechter“ Resonanzkörper für andere Menschen ist. Vielmehr bin ich mir sehr sicher, dass es zuallererst notwendig ist, sich selbst zuzutrauen, meinem Gegenüber verletzlich, offen und „nackt“ zu zeigen. Dann erst habe ich die Möglichkeit, resonant zu sein – oder eben nicht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele kurze Momente der Resonanz mit Menschen die sie mögen und auch mit solchen, die sie nicht mögen.

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