Wenn es mir immer gut geht …

Geht es Ihnen – jetzt in diesem Moment – gut? Ausgezeichnet! Vermutlich sind Sie, so wie ich, gerade in Wochenendstimmung und glücklich darüber, Zeit für sich alleine oder mit Ihren Lieben verbringen zu können.

Geht es Ihnen immer gut? Dann würde ich mir Gedanken machen, ob Sie nicht Opfer der „Ressourcen-Falle“ sind. In diese Falle tappen Sie genau dann, wenn Sie – wie es leider Gottes oft in der Praxis fälschlicher Weise verstanden wird – Ressourcen mit einem Zustand von Ich-konzentriere-mich-ausschließlich-auf-die-von-der-Gesellschaft-als-positiv-interpretierten-Fertigkeiten beschränken.

Ja, zugegeben, vielleicht bin ich wirklich streng oder kritisch mit den andauernd positiv denken wollenden Menschen, die immer und jederzeit „das Gute“ suchen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ein absoluter Befürworter davon, dass ein Mensch zu jederzeit danach streben sollte, sich hin zu einem glücklichen und erfüllten Leben zu entwickeln. Die Frage ist nur, wie Sie das tun … Zu jederzeit auf der Suche nach meinen positiven Seiten, nach meinen guten Eigenschaften oder nach meinen liebenswerten Zügen zu sein bedeutet automatisch, dass Sie permanent Ihre bösen Seiten, Ihre egoistischen Anwandlungen oder Ihr „dunkles Machtstreben“ – das sicherlich auch ein stückweit in Ihnen ist – verleugnen oder verdrängen. Den Begriff der „Ressource“ darauf zu beschränken, um zu schauen, was ich gut kann, ist meiner Meinung nach fehlerhaft. Vielmehr sind es Fähigkeiten, Fertigkeiten oder „Kräfte“, die – unabhängig von der Zuschreibung „gut“ oder „böse – der in jedem Lebewesen innewohnenden Entwicklung dienlich sind. Also quasi „Nahrung für den biologischen Akt des inneren Wachstums“ …

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich Ihnen sagen, dass die für mich persönlich am höchsten geschätzte Ressource von mir selbst jene ist, die es mir erlaubt, sowohl meine positiven als auch meine negativen Eigenschaften möglichst gleichwertig zu akzeptieren und anzunehmen.

Ich bin „gut“, aber ich bin auch „böse“!

Ja, es gibt Tage, da bin ich ungerecht, gereizt und egoistisch. Ja, manchesmal ertappe ich mich dabei, wie ich mir – wenn ich eine Person kenne, die ich offensichtlich nicht mag – still und heimlich denke: „Verdammt, was für ein Idiot!“. Und ja, so zu denken ist in genau diesem Moment überhaupt nicht wertschätzend. Und nein, ich mache mir keine Gedanken,  woher meine dunkle Seite in mir her rührt. Sie ist einfach da – wie sie in jedem Menschen ein stückweit da ist. Selbstverständlich gibt es Tage, an denen es für mich einfacher ist, diese meine „schlechten Eigenschaften“ besser anzunehmen und Tage, wo mir das nicht bzw. überhaupt nicht gelingt.

Ich weiß das alles – und es tut mir gut!

Ich denke, dass es wichtig ist, eine ausgewogene Balance zwischen „guten“ und „bösen“ Anteilen in sich zu tragen und sich darüber bewusst zu werden, dass das so ist.

Warum ich diese Meinung vertrete ist deswegen, weil eine Balance bw. Dysbalance zwischen „Gut“ und „Böse“ einen massiven Einfluss auf die Konflikt- bzw. Streitkultur in Gruppen hat. Ich behaupte, dass es von der „subjektiven Qualität“ des Einflusses auf die Entwicklungsfähigkeit, Kreativität und schlussendlich auch auf die Effektivität im Tagesgeschäft her gleich schlecht ist, ob Teams sich so bekriegen, dass die sprichwörtlichen Fetzen fliegen oder ob sie ständig versuchen, immer „gut“ miteinander umzugehen, um ja keinen Fehler zu machen.

Beide Extreme bedeuten, dass es den einzelnen Mitgliedern in einem Team nicht möglich sein kann, offen, echt und authentisch Dinge anzusprechen. Erfahrungsgemäß braucht es eine Menge Mut, Dinge, die möglicherweise schon lange im Argen liegen so anzusprechen, dass die Person, die diese anspricht, sich auch genug geschützt und verstanden fühlt, damit sie nicht automatisch zur Buhfrau oder zum Buhmann wird.

Es ist meiner Meinung nach die höchste Form sozialer Kompetenz innerhalb eines Teams, wenn es sich die Teammitglieder wechselseitig selbst ermöglichen können, tatsächlich schwierige Situationen überhaupt ansprechen zu können. Die Basis dafür ist das Zulassen von Individualität und Authentizität, die es jeder und jedem Einzelnen erlaubt, so sein zu dürfen wie sie oder er eben ist – mit allen positiven und negativen Eigenschaften. Eine derartige Kultur verstehe ich als wahre Wertschätzung, weil es sich ein Team dadurch „erlaubt“, tatsächliche Schwierigkeiten auch in einer ausreichenden Tiefe anzunehmen, zu besprechen und um schlussendlich adäquate Lösungen zu finden. Die Botschaft, die dadurch mitschwingt, ist: „Ich vertraue mir selbst und uns so viel, dass wir Konflikte ansprechen und austragen, ohne, dass jemand nachhaltig beschädigt wird!“

In diesem Sinne: Seien Sie ruhig auch einmal böse und ungerecht!

 

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