Die soziokulturelle Pandemie

Wenn ich diesen Text schreibe, dann ist die Pandemie schon zwei Jahre alt. Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass wir in einem Dauerzustand der Ängstlichkeit leben bzw. leben müssen. Schlimm genug, dass Menschen aufgrund einer Viruserkrankung sterben – oder auf der anderen Seite durch Maßnahmen, die von Regierungen getroffen werden, teilweise massiv leiden. Ich möchte mich in diesem Artikel nicht mit einer medizinisch-virologischen Erklärung über die Gefährlichkeit eines Virus auseinandersetzen – und das hat einen einfachen Grund: ich bin weder Medizinier, noch Virologe, Epidemiologe oder Immunologe. Womit ich mich aber auseinander setzen kann, ist mit dem Versuch, dem persönlichen bzw. gesellschaftlichen Stimmungsbild einen subjektiv-phänomenologischen Rahmen zu geben.

In meinen unterschiedlichen Arbeitsfeldern erlebe ich zunehmend, dass viele Menschen schlicht und ergreifend verstummen. Ganz oft sind es in meinem Umfeld gebildete, sensible, kritische Menschen (meistens Frauen), die ein naturverbundenes Leben leben. Menschen, die sich seit jeher gesund ernähren, nicht rauchen, kaum Alkohol trinken und regelmäßig Sport betreiben. Menschen, die sich sozial engagieren und sehr oft durch eine Eigenschaft miteinander verbunden sind: alle diese Menschen haben Bedenken, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen. Ich möchte nicht bewerten, ob diese Haltung „richtig“ oder „falsch“ ist. Aber ich ertrage es zunehmend schwerer, wenn Menschen aufgrund ihrer Lebenseinstellung bzw. -weise diskreditiert, diskriminiert und in ein pseudopathologisch-verrücktes Eck gedrängt werden, wo sie völlig zu Unrecht sind. Gerade diese Menschen erlebe ich als sorgsam, respektvoll und im höchsten Maße solidarisch. Und ganz offenbar haben sie eine alternative Lebensform entdeckt, wo sie eben gerade nicht Treiber der Pandemie sind. Das ist auch leicht überprüfbar, weil sie nach wie vor den Status „ungeimpft“ inne haben, was bedeutet, dass sie ja ganz offensichtlich bis dato nicht mit dem Virus in Kontakt kamen.

Zunehmend empfinde ich nicht die Bedrohung durch das Virus per se als etwas, was mir Sorgen macht, sondern wie wir die Gefährlichkeit interpretieren und miteinander umgehen. Das Coronavirus ist was es ist – ein Virus, das einen Wirt braucht, um zu überleben und sich zu vermehren und dadurch bei Menschen Leid und Tod mit sich bringen wird. Natürlich. Darüber hinaus wirkt es aber auch als Katalysator für das, was in unserer Gesellschaft schon länger vorhanden ist: eine Dynamik der subtilen Gewalt, die uns auseinander treibt, uns wechselseitig abwerten lässt und eine autoritäre, verachtende Seite an uns erkennen lässt, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Wie ein Brennglas hat dieses kleine Etwas eine schon lange Zeit vorhandene Flamme der Verachtung in unserer Gesellschaft entfacht, wo sich die „Faktenchecker“ auf der einen Seite diebisch freuen, dass die „Covidioten“ durch die Impfpflicht endlich zu ihrem Glück gezwungen werden und wo auf der anderen Seite die „wirklichen Wahrheitsverkünder“ den „Impfschafen“ wünschen, dass sie eine der Impfnebenwirkungen mit voller Wucht bekommen und darunter lebenslang leiden sollen.

Ich brauche Halt. Und ich habe ihn für mich gefunden. Ich stelle mich auf die Schultern meiner geistigen Mütter und Väter und erinnere mich bewusst an meine humanistischen Grundwerte. Ich beginne bei mir, wie es so schön heißt, und versuche, mich in der Welt, in der ich mich bewege zu verorten. Ich will mich in all meinen Facetten spüren, ohne moralische Schranken oder mich einschränkende Bewertungsmuster von außen. Nur so kann ich frei und offen sein für mein Gegenüber, für Dialog, für Empathie, für Konflikte und für Versöhnungen. Nur so kann ich mich hilfreich zur Verfügung stellen.

Mit diesem Selbst-Verständnis wünsche ich Ihnen und mir, dass jede und jeder von uns den „Empörzeigefinger“, der zum Du zeigt, um 180 Grad in die andere Richtung zum Ich zu wechseln und sich dabei folgende Fragen stellt: Was hat das, was um mich herum passiert, mit mir zu tun und was kann ich selbst tun, damit das anders wird? So, und nur so, werden wir auch die soziokulturelle Pandemie gemeinsam bewältigen können!